An die klugen Rathgeber und die 5. Symphonie

Das große, anklagende Pathos Hölderlins erfährt in den zwei Varianten des Gedichtes ‚An die klugen Rathgeber‘ und ‚Der Jüngling an die klugen Rathgeber‘ seine reife und dynamische Form. Nicht ohne Schmunzeln aber mit Mut zur frischen Empörung steht dazu der 4. Satz aus der 5. Symphonie Beethovens. Wieder ist es der Rhythymus, der bindet. Und wieder sagte mir jemand, ‚klingt wie Beethoven auf der Blockflöte.‘ Sorry, bitte seht es als Skizze.

 

1. Beispiel:

An die klugen Rathgeber

 

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2. Beispiel:

Der Jüngling an die klugen Rathgeber

Die instrumentalen Zwischenteile müssen noch bearbeitet werden. Dramaturgie und Tempo fügen sich noch nicht.

 

 

 

 

 

 Klage

Äußerung von Schmerz oder Trauer, Jammer, vor Gericht erhobener Anspruch. Die Bedeutung von klagen, anklagen, verklagen, geht auf den Brauch zurück, beim Bemerken eines Verbrechens lautes Hilfegeschrei zu erheben und die Tat durch Schreien vor ein Gericht zu zwingen. Im Germanischen des 9. Jhrdts klaga. Im Persischen heißt die Klage gila, im Irischen glām, beides stammt aus der Schallwurzel gal für rufen und schreien. Ein altes Wort: gellen. Im Englisch: yell. Das schwedische gälla ist verwandt dem griechischen chelīdṓn, für Schwalbe. Das Gellen findet sich in einem anderen Vogelnamen: der Nachtigall. Das Geschrei der Schwalben und die Klage der Nachtigall. Ovids Metamorphosen nennen Prokne und Philomela, die Zunge stumm geschnitten, betrogen, vergewaltigt. Bei H. klagt die Nachtigall für ihn um seine Stella, und das Geschrei der Schwalben umkreist blecherne Türme.

Das poetische Klagelied ist die Elegie

Der späte H. widmet sich intensivst dieser Kunstform. Der noch nicht dreißigjährige kann aber auch klagen. Und anklagen.

 

An die klugen Ratgeber

Ich sollte nicht im Lebensfelde ringen,
Solang mein Herz nach höchster Schöne strebt,
Ich soll mein Schwanenlied am Grabe singen,
Wo ihr so gern lebendig uns begräbt?
O! schonet mein und laßt das rege Streben,
Bis seine Flut ins fernste Meer sich stürzt,
Laßt immerhin, ihr Ärzte, laßt mich leben,
Solang die Parze nicht die Bahn verkürzt.

Des Weins Gewächs verschmäht die kühlen Tale,
Hesperiens beglückter Garten bringt
Die goldnen Früchte nur im heißen Strahle,
Der, wie ein Pfeil, ins Herz der Erde dringt;
Was warnt ihr dann, wenn stolz und ungeschändet
Des Menschen Herz von kühnem Zorn entbrennt,
Was nimmt ihr ihm, der nur im Kampf vollendet,
Ihr Weichlinge, sein glühend Element?

Er hat das Schwert zum Spiele nicht genommen,
Der Richter, der die alte Nacht verdammt,
Er ist zum Schlafe nicht herabgekommen,
Der reine Geist, der aus dem Aether stammt;
Er strahlt heran, er schröckt, wie Meteore,
Befreit und bändigt, ohne Ruh‘ und Sold,
Bis, wiederkehrend durch des Himmels Tore,
Sein Kämpferwagen im Triumphe rollt.

Und ihr, ihr wollt des Rächers Arme lähmen,
Dem Geiste, der mit Götterrecht gebeut,
Bedeutet ihr, sich knechtisch zu bequemen,
Nach eures Pöbels Unerbittlichkeit?
Das Irrhaus wählt ihr euch zum Tribunale,
Dem soll der Herrliche sich unterziehn,
Den Gott in uns, den macht ihr zum Skandale,
Und setzt den Wurm zum König über ihn. –

Sonst ward der Schwärmer doch ans Kreuz geschlagen,
Und oft in edlem Löwengrimme rang
Der Mensch an donnernden Entscheidungstagen,
Bis Glück und Wut das kühne Recht bezwang;
Ach! wie die Sonne, sank zur Ruhe nieder,
Wer unter Kampf ein herrlich Werk begann,
Er sank und morgenrötlich hub er wieder
In seinen Lieblingen zu leuchten an.

Jetzt blüht die neue Kunst, das Herz zu morden,
Zum Todesdolch in meuchlerischer Hand
Ist nun der Rat des klugen Manns geworden,
Und furchtbar, wie ein Scherge, der Verstand;
Bekehrt von euch zu feiger Ruhe, findet
Der Geist der Jünglinge sein schmählich Grab,
Ach! ruhmlos in die Nebelnächte schwindet
Aus heitrer Luft manch schöner Stern hinab.

Umsonst, wenn auch der Geister Erste fallen,
Die starken Tugenden, wie Wachs, vergehn,
Das Schöne muß aus diesen Kämpfen allen,
Aus dieser Nacht der Tage Tag entstehn;
Begräbt sie nur, ihr Toten, eure Toten!
Indes ihr noch die Leichenfackel hält,
Geschiehet schon, wie unser Herz geboten,
Bricht schon herein die neue beßre Welt.

 

1796 sendet H. dieses Gedicht an Schiller. Der antwortet nicht, auch H.s Bitte um Rücksendung lässt Schiller unbeantwortet. Sehrwohl bearbeitet er das Gedicht reichhaltig – etwas scheint ihn zu interessieren; doch keine Antwort, weder Veröffentlichung noch anderweitige Empfehlung.

In dieser Zeit planen und erarbeiten Goethe und Schiller die Xenien, polemische, literaturpolitisch motivierte Angriffe auf die damalige Literaturzunft. Schiller fühlt sich gekränkt wegen mehrerer kritischen Rezensionen seiner Literaturzeitschrift Die Horen. Sein Unmut wächst. Goethe nimmt diese Stimmung auf und unterbreitet Schiller im Herbst 1795 eine erste Idee für die Xenien. „Sollten Sie sich nicht nunmehr überall umsehen und sammeln, was gegen die Horen im allgemeinen und besonderen gesagt ist, und hielten am Schluß des Jahres darüber ein Gericht? Wenn man dergleichen Dinge in Bündlein bindet, brennen sie besser.“

H. Freund Magenau schreibt an H.s Freund Neuffer: Was muß man von den Xenien halten, die warlich ziemlich Schrekensmännisch sind. Ich dächte doch, [ein] Gelehrter sollte nie gegen s[eine]sgleichen mit der HakkenKeule zu Felde ziehen [ … ]. Das ganze Grobians-Wesen hat einen höchst widerlichen Eindruk auf mich gemacht, u. ich ahne, daß Göthe mehr Antheil haben mag, als Schiller, dem ich doch so viel Geiffer nicht zutraue.

1797, Heinrich Heine wird geboren, Napoleon beginnt seinen Aufstieg mit dem siegreichen Italienfeldzug und dem Ende des ersten Koalitionskrieges gegen Österreich und Preussen, Wilhelm Herschel entdeckt neue Galaxien, nach George Washington wird John Adams zweiter Präsident der jungen USA, Balladenjahr von Schiller und Goethe, Schlegel veröffentlich seine ersten Shakespeare-Übersetzungen, Kant veröffentlicht seine Metaphysik der Sitten mit dem berühmten kategorischen Imperativ, der erste Band von H.s Hyperion erscheint.

H. ist seit einem Jahr Hauslehrer beim Frankfurter Bankier Gontard, liebt dessen Frau, unter dem patriarchalen Betragen seines Hausherren und Arbeitgebers. In seinen Briefen Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten vergleicht Schiller, den moralisch an sich wankelmütigen Menschen mit einem Geisteskranken, der alle Messer aus seiner Umgebung entfernen solle, damit er mit diesen dann, wenn die Leidenschaft den Verstand übertönt, keinen Schaden anrichten kann. Schiller schreibt:

Eben so, wie der Wahnsinnige, der seinen nahenden Paroxysmus ahnt, alle Messer entfernt und sich freiwillig den Banden darbietet, um für die Verbrechen seines zerstörten Gehirnes nicht im gesunden Zustand verantwortlich zu sein: eben so sind auch wir verpflichtet, uns durch Religion und durch ästhetische Gesetze zu binden, damit unsre Leidenschaft in den Perioden ihrer Herrschaft nicht die physische Ordnung verletze.

Das Irrhaus wählt ihr euch zum Tribunale steht in der vierten Strophe der ersten Fassung. H. lehnt es ab, dem göttlichsten Geschöpf der Welt, dem Menschen, vorauseilenden Gehorsam abzudingen, ihm zum Schutze einer allgemeinen Raison die Wut, den Zorn, die Empörung abzusprechen, sie im Vorhinein zu verbannen. Die Natur, auch die des Menschen, ist schön und lebendig. Hölderlin ist wie Kant vehement auf der Seite der Freiheit und der ganzumfänglichen Würde des Menschen. Kant, den H. intensiv studierte, will eben vorrangig nicht bewertet wissen, was eine Handlung bewirkt, welchen Nutzen oder welche Folge sie hat, sondern, wie die Absicht beschaffen ist. Wenn der Wille gut ist, dann ist auch die Handlung moralisch gerechtfertigt. Der Wille zum Guten allein ist das, was moralisch gut ist.

H. überarbeitet sein Gedicht, schickt es erneut an Schiller, mit den Worten: ich habe es gemildert und gefeilt, so gut ich es konnte. Ich habe einen bestimmteren Ton hineinzubringen gesucht, so viel es der Karakter des Gedichts leiden wollte. Keine Antwort, keine Veröffentlichung. Heute ist sich die H.-Forschung weder darüber einig, ob Schiller sich nun angesprochen fühlte oder nicht, noch, ob dies von H. so beabsichtigt war.

Schiller schreibt an Goethe über H.: Aufrichtig, ich fand in diesen Gedichten viel von meiner eigenen sonstigen Gestalt, und es ist nicht das erstemal, daß mich der Verfasser an mich mahnte. Er hat eine heftige Subjectivität, und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich, da solchen Naturen so gar schwer beyzukommen ist. […] Ich bin einmal in dem verzweifelten Fall, daß mir daran liegen muß, ob andere Leute etwas taugen, und ob etwas aus ihnen werden kann; daher werde ich diese Hölderlin und Schmidt. so spät als möglich aufgeben. Ich möchte wissen, ob […] diese Hölderlins absolut und unter allen Umständen so subjectivisch, so überspannt, so einseitig geblieben wären, ob es an etwas primitivem liegt, oder ob nur der Mangel einer aesthetischen Nahrung und Einwirkung von außen und die Opposition der empirischen Weil in der sie leben gegen ihren idealischen Hang diese unglückliche Wirkung hervorgebracht hat.

H. schreibt an seinen Halbbruder Carl Gock: Aber wer hält in schöner Stellung sich, wenn er sich durch ein Gedränge durcharbeitet, wo ihn alles hin und herstößt? Und wer vermag sein Herz in einer schönen Grenze zu halten, wenn die Welt auf ihn mit Fäusten einschlägt? Je angefochtener wir sind vom Nichts, das, wie ein Abgrund, um uns her uns angähnt, oder auch vom tausendfachen Etwas der Gesellschaft und der Thätigkeit der Menschen, das gestaltlos seel- und lieblos uns verfolgt, zerstreut, um so leidenschaftlicher und gewaltsamer muß der Widerstand von unserer Seite werden. 

 

Der Jüngling An die klugen Ratgeber

Ich sollte ruhn? Ich soll die Liebe zwingen,
Die feurigfroh nach hoher Schöne strebt?
Ich soll mein Schwanenlied am Grabe singen,
Wo ihr so gern lebendig uns begräbt?
O schonet mein! Allmächtig fortgezogen,
Muß immerhin des Lebens frische Flut
Mit Ungeduld im engen Bette wogen,
Bis sie im heimatlichen Meere ruht.

Des Weins Gewächs verschmäht die kühlen Tale,
Hesperiens beglückter Garten bringt
Die goldnen Früchte nur im heißen Strahle,
Der, wie ein Pfeil, ins Herz der Erde dringt.
Was sänftiget ihr dann, wenn in den Ketten
Der ehrnen Zeit die Seele mir entbrennt,
Was nimmt ihr mir, den nur die Kämpfe retten,
Ihr Weichlinge! mein glühend Element?

Das Leben ist zum Tode nicht erkoren,
Zum Schlafe nicht der Gott, der uns entflammt,
Zum Joch ist nicht der Herrliche geboren,
Der Genius, der aus dem Aether stammt;
Er kommt herab; er taucht sich, wie zum Bade,
In des Jahrhunderts Strom und glücklich raubt
Auf eine Zeit den Schwimmer die Najade,
Doch hebt er heitrer bald sein leuchtend Haupt.

Drum laßt die Lust, das Große zu verderben,
Und geht und sprecht von eurem Glücke nicht!
Pflanzt keinen Zedernbaum in eure Scherben!
Nimmt keinen Geist in eure Söldnerspflicht!
Versucht es nicht, das Sonnenroß zu lähmen!
Laßt immerhin den Sternen ihre Bahn!
Und mir, mir ratet nicht, mich zu bequemen,
Und macht mich nicht den Knechten untertan.

Und könnt ihr ja das Schöne nicht ertragen,
So führt den Krieg mit offner Kraft und Tat!
Sonst ward der Schwärmer doch ans Kreuz geschlagen,
Jetzt mordet ihn der sanfte kluge Rat;
Wie manchen habt ihr herrlich zubereitet
Fürs Reich der Not! wie oft auf euern Sand
Den hoffnungsfrohen Steuermann verleitet
Auf kühner Fahrt ins warme Morgenland!

Umsonst! mich hält die dürre Zeit vergebens,
Und mein Jahrhundert ist mir Züchtigung;
Ich sehne mich ins grüne Feld des Lebens
Und in den Himmel der Begeisterung;
Begrabt sie nur, ihr Toten, eure Toten,
Und preist das Menschenwerk und scheltet nur!
Doch reift in mir, so wie mein Herz geboten,
Die schöne, die lebendige Natur.


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